Peter Kurth lockert noch rasch seine Krawatte und knöpft die Hemdsärmel
auf, ehe er die Schwulenkneipe am Mauritiuswall betritt. Es sind einige
Dutzend Gäste gekommen, um ihn in der „IX-Bar“ zu bestaunen.
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Homosexualität ist in Köln, die gern
als heimliche Hauptstadt der gleichgeschlechtlichen Beziehungen
bezeichnet wird, beileibe keine Sensation. Doch Kurth ist der erste
bekennende Schwule, den die CDU jemals als Spitzenkandidaten für das
Amts des Oberbürgermeisters aufgeboten hat, und so klatscht man lebhaft
über den Traditionsbruch, den die Konservativen in der Domstadt gewagt
haben.
Kurth, ein "fröhlicher Single"
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„Gay Community trifft Peter Kurth“, so wurde diese
Zusammenkunft angekündigt. „Ich habe mich persönlich für Peter Kurth
entschieden“, schmeichelt Bar-Chef Oliver Roth zur Begrüßung und erntet
anzügliche Lacher. Doch dann spricht der Ehrengast gar nicht viel über
seine Neigung. Er sagt noch nicht einmal, dass er schwul sei und dass
das gut sei, oder etwas ähnlich Einprägsames wie ehedem Berlins
Regierender Bürgermeister
Klaus Wowereit. Als Kurth Mitte Mai als CDU-Spitzenkandidat vorgestellt
wurde, sagte er in Anspielung auf Berichte über seine Homosexualität:
„Da bekannt ist, dass ich ein fröhlicher Single bin, komme ich gut
zurecht.“ In der „IXBar“ wiederholt er das nicht. Auf die Frage, ob
Schwule andere Politik machten als Heterosexuelle, antwortet er: „Es
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Der 49-Jährige sagt, er unterstütze die „Gay Games“ 2010 in Köln,
aber er sei gegen ein „Schwulen- und Lesbenreferat“ in der
Stadtverwaltung, weil sonst die gewachsene Szene durch ein „künstliche
Verwaltungsstruktur“ gefährdet werde. Ansonsten macht er der
Schwulenszene an diesem Abend keine besonderen finanziellen
Versprechungen, weil der städtische marode ist.
Über die Kölner CDU sagt Kurth, sie habe sich „in der Vergangenheit mit
Thema Schwule und Lesben schwer getan“, aber es habe sich eine Menge
geändert. Ein Gast klagt, die Szene habe sich von der katholischen
Kirche einiges gefallen lassen müssen. „Ich habe mit meiner
Zugehörigkeit zur katholischen Kirche kein Problem. Das war nicht immer
so, aber das ist inzwischen so. Auch die Kirche öffnet sich an einigen
Punkten“, sagt Kurth. Einige Anwesende sind zwiegespalten: „Ich finde
es klasse, dass Sie schwul sind“, sagt ein Gast in der „IXBar“, merkt
aber an, er hätte sich „mehr Prioritäten für die Community“ gewünscht.
Unfreiwilliges Outing
Kurths hat in dieser Hinsicht eine diskretere Art als Wowereit. Die
Homosexualität des Christdemokraten wurde vor sechs Jahren eher
unfreiwillig bekannt, als ihn ein Berliner Schwulenmagazin outete.
Kurth dementierte nicht und sagte dem „Tagesspiegel“ damals: „Die
sexuelle Orientierung von Politikern ist Privatsache.“
Die meisten Kommunalpolitiker in Köln
gehen ohnehin recht unverkrampft mit der einflussreichen
selbsternannten „Gay Community“ um. Sie erscheinen beim jährlichen
„Christopher Street Day“ (CSD) auf der schrillen Parade. Kurth war
dieses Mal ebenfalls dabei und verkündete am 5. Juli um 5.16 Uhr per
„Twitter“-Mitteilung im Internet: „Ich liebe Köln! So frei, so bunt, so anders. CSD Parade 2009.“
So fröhlich und unbeschwert Kurth auch wirkt, er hat sich in eine
schwierige Situation gewagt. Der ehemalige Finanzsenator aus Berlin
wurde als Joker in allergrößter Not auf den Schild gehoben, nachdem
Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) angekündigt habe, bei den
Kommunalwahlen am 30. August nicht zur Wiederwahl anzutreten. Die
Kritik an Schrammas Krisenmanagement nach dem Einsturz des Historischen
Archives war immens, obendrein sah er sich nicht mehr ausreichend von
der CDU-Landespartei gestützt.
Der alerte, redegewandte Kurth verleiht der von Krisen erschütterten
CDU in der Domstadt eine neue Frische. Doch sein Problem sind nicht
allein skeptische christdemokratische Erzkonservative, sondern auch der
Oberbürgermeisterkandidat der FDP, Ralph Sterck. Der 43-Jährige ist Kölner und schwul.
In der CDU ärgert man sich, dass Sterck womöglich den ersehnten Erfolg
von Kurth verhindern könnte. Es scheiterten Bemühungen, Sterck zu einem
Rückzug zu bewegen. Dieser entgegnete stattdessen recht keck: „Falls
die CDU einen schwulen Kandidaten ausgesucht haben sollte, um mich zum
Rückzug zu becircen, hat sie sich geirrt: Ich werde, in Abstimmung mit
allen Ebenen meiner Partei, bis zum Schluss an meiner OB-Kandidatur
festhalten.“
Die viertgrößte deutsche Stadt Köln
gilt neben dem Ballungsraum Ruhrgebiet als bedeutendstes politisches
Entscheidungsfeld bei den nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen. Die
CDU plagt sich mit einer äußerst selbstbewussten FDP
herum, die eigentlich ihr politischer Wunschpartner ist. Es rächt sich
nun, dass die schwarz-gelbe Koalition in Nordrhein-Westfalen den 14
Tage späteren zweiten Wahlgang, die so genannte Stichwahl, für die
Oberbürgermeister, Bürgermeister und Landräte abgeschafft hat. Bisher konnte sich im ersten Wahlgang die kleineren Parteien wie FDP und Grüne profilieren und dann im zweiten Wahlgang den ihnen genehmen Kandidaten von SPD oder CDU unterstützen.
CDU fürchtet FDP
In der Domstadt betrachtet die CDU deshalb die FDP
als heikle Konkurrenz, zumal die Freidemokraten bereits bei der
Europawahl im Juni satte Zugewinne verzeichneten und auf 14 Prozent
kamen. „Wer Sterck wählt, der stärkt Roters“, sagt Kurth in der „IXBar“
und meint damit den rot-grünen OB-Kandidaten Jürgen Roters (SPD).
Freidemokrat Sterck wiederum beklagt, dass die CDU in
einem „sehr schlechten Zustand“ sei. „Eine Schwalbe mach noch keinen
Sommer, mit Blick auf den Kollegen Kurth“, sagte Sterck dem
Regionalsender „center.tv“. Im seinem Internet-Tagebuch ätzt Sterck
zudem, auf Kurths Wahlplakat sei der Kölner Dom seitenverkehrt zu
sehen: „Natürlich kann ich meinem Kollegen Kurth keine mangelnde
Ortskenntnis vorwerfen. Das wäre gegenüber jemandem, der erst seit zwei
Monaten in der Stadt ist, wirklich unfair.“ Und so scheint es, als
müssten Spitzenkandidat Kurth und die CDU ganz allein kämpfen.